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Interview Wolf Nkole Helzle
Vor und hinter den Gesichtern
Am 25.01.2009 wurde die Ausstellung "Homo donzdorfensis" des Medienkünstlers Wolf Nkole Helzle im Donzdorfer Schloss eröffnet. Im Interview spricht er über Donzdorfer Models, Gemeinschaft und Kommunikation als Heimat.
Wie war die Ausstellungseröffnung „Homo donzdorfensis“ am letzten Sonntag Herr Helzle?
Einfach überwältigend, die Veranstaltung ging über zwei Stunden, normalerweise ist in diesem Rahmen eher eine Stunde üblich. Die beiden Reden von Simone Jung, der Kuratorin der Ausstellung und Bürgermeister Martin Stölzle über das Projekt waren einfühlsam und fundiert. Und nicht zuletzt, die vielen interessierten Besucher und die Gespräche mit ihnen.
Wie kam das Projekt „Homo donzdorfensis“ zu Stande – Ihre Projektreihe „Multiple Portraits“ war ja bisher nicht direkt auf einen geografischen Ort ausgerichtet?
Frau Jung kuratiert ja für die Stadt Donzdorf eine Ausstellungsreihe für das Jahr 2009 unter dem Leitmotiv „Schichtungen“. Ich arbeite in meiner Reihe „multiple Portraits“ mit Überlagerungen von Einzelbildern. Sie kannte meine Arbeiten und schlug vor, diese Werkreihe auf einen konkreten Ort auszuweiten.
Es ist sicher eine organisatorische, wie künstlerische Herausforderung, 100 Personen aus einer Stadt zu portraitieren. Wie kamen Sie zu Ihren „Models“?
Die Stadtverwaltung, insbesondere Herr Stölzle und Frau Müller stellten den Kontakt her. Es wurde ein „Querschnitt“ der Stadt angesprochen und ausgewählt. Vier Tage war ich in Donzdorf vor Ort und fotografierte mit meinem mobilen Fotostudio je 50 Donzdorferinnen und Donzdorfer vor schwarzem Hintergrund. Zusammen konnten wir das gut bewältigen.
Wie beschreiben Sie den „Homo donzdorfensis“ und wie wurde er bei der Ausstellungseröffnung von den Donzdorfern aufgenommen?
Als ich mit meiner Arbeit fertig war und das Bild in meinem Atelier stand, fragte ich mich: „Was schaut mich da an?“ Ich habe etwas empfunden, was hinter den Einzelpersonen als – ich könnte vielleicht sagen - Menschlichkeit steht. Was ist das, was uns nährt – eine Referenz auf etwas, das hinter den Einzelnen steht. Bei der Eröffnung kam eine Dame zu mir und sagte über den „Homo donzdorfensis: „Ja, so sind wir Donzdorfer – freundlich, offen und sympathisch.
Etwas also, was alles zusammenhält. Sind Sie ein spiritueller Mensch?
Ich interessiere mich für Philosophie und Religionen, also für die grundlegenden Fragen, woher kommen wir, was sind wir und wohin gehen wir. 1969 konnte die Menschheit zum ersten Mal ein Bild von ihrem Heimatplaneten von außerhalb sehen, ich meine die damit verbundene Außenperspektive auf sich selbst als Ganzes. Seitdem lässt mich das Thema nicht mehr los. Das Individuum und das Kollektiv. Was bedeutet es, ein Sechsmilliardelstel zu sein, wie definiert sich das Individuum und die Gemeinschaft und umgekehrt vor diesem Hintergrund; welche Wechselbeziehungen entstehen.
Bisher haben Sie über 20.000 Menschen weltweit portraitiert – träumen sie davon alle Menschen in einem „Homo weltensis“ zu vereinen?
Nein, dies ist ja auch nicht möglich, technisch, wie auch für mich logistisch. Die Menge, welche ich in meinem Leben fotografieren kann, ergibt einen wertvollen Erfahrungsschatz.
Aber es gibt sicherlich in naher Zukunft automatisierte Prozesse für die Portrait-Erstellung, gerade im Hinblick auf die digitale Vernetzung der Welt im world wide web?
Auch dann nicht. Für mein Arbeiten ist es wichtig, die Bilder selbst zu erstellen und eine gewisse Beziehung zu den abgebildeten Personen herzustellen. Ich will da ja was lernen.
Wie wirkt sich Ihr Reisen und Arbeiten in der Welt auf Ihren persönlichen Heimatbegriff aus?
Ja, (lacht), da fällt mir zu Heimat ein: Wenn man „Heim“ und das @-Zeichen zusammen führt, entsteht das Wort „Heim-at“. Das @ steht ja im Internet für eine Verortung. Ich verorte meinen persönlichen Heimatbegriff in der Kommunikation. Heimat ist virtueller geworden. Heimat, um mit meiner Sprache zu sprechen, wird vom Kollektiv/Gemeinwesen und vom Individuum „hergestellt“ als etwas, wo man kommunizieren kann. Bei der Ausstellungseröffnung kamen unterschiedliche Menschen zusammen, die so sonst nicht zusammen treffen würden.
Donzdorf ist…
Eine Referenz für mich. Technisch gesehen, kann das Projekt auf jede Stadt übertragen werden, allerdings muss ein Ort bereit sein „sich selbst sehen“ zu wollen. Das technische alleine reicht nicht, das menschliche Interesse kommt zuerst … Donzdorf ist echt klasse.
Wolf Nkole Helzle
1950 geboren in Göppingen
Studium der Malerei an der
Freien Kunstschule in
Stuttgart und an der Hochschule
für bildende Künste
in Kassel bei Prof. Harry Kramer
2000
Dozentur für Medienkunst
an der Fachhochschule für
Gestaltung, Schwäbisch Hall
2006Atelierstipendium Künstlerhaus Stuttgart Lehrauftrag Videokunst,Hochschule der Medien, Stuttgart
Lebt und arbeitet in St. Johann
Helzle arbeitet vorwiegend mit Video, Fotografie, Installationen und Performances. Viele seiner Arbeiten sind partizipativer Natur; Zuschauer, Gäste, Passanten und Besucher werden Teil des künstlerischen Prozesses. Eines der zentralen Themen seiner künstlerischen Arbeit ist die Frage nach der Beziehung zwischen Individuum und Kollektiv. Dieser Frage geht er im internationalen Kontext nach, wie beispielsweise bei der Ogaki-Biennale in Japan und dem internationalen Ausstellungsprojekt media_citySeoul, Südkorea. Er war eingeladen vom National Visual Arts Council, Lusaka, Sambia, und vielen deutschen und europäischen Ausstellungsprojekten und Festivals. Im Rahmen seines weltweit angelegten Projekts "... und ich bin ein Teil" fotografierte der Medienkünstler Wolf Nkole Helzle in den letzten 10 Jahren über 20.000 Personen aus und in vielen Ländern.
Pünktlich zum 10jährigen Jubiläum entstand eine neue Serie mit dem Titel "Multiple Portraits". Hierbei legt er mit einer speziellen Computertechnik 100 Einzelportraits transparent übereinander und gewinnt dadurch ein "neues" gemeinsames Gesicht. Dieser Versuch der Visualisierung eines "Gemeinwesens" wurde als Idee für die Ausstellung im Donzdorfer Schloss aufgegriffen und zu folgendem Ausstellungskonzept weiterentwickelt: 100 Bürgerinnen und Bürger aus verschiedenen Vereinen und Gruppierungen Donzdorfs wurden eingeladen, sich von dem Künstler fotografisch portraitieren zu lassen. In der Ausstellung wird sowohl das Multiple Portrait "Homo donzdorfensis" zu sehen sein, als auch alle Einzelportraits. Mit zum Konzept gehört, dass nach der Ausstellung die Einzelportraits jeweils bei den Beteiligten zu Hause aufgehängt werden, während das Multiple Portrait "Homo donzdorfensis"
im Donzdorfer Schloss verbleibt.
[Nachricht verfasst am 12.01.2009]
