Seiteninhalt:
Sie befinden sich hier: Kulturelles-Einrichtungen-Stadtbücherei-Nutzungshinweise-Interview Sommerkino
Interview Andreas Geiger: 24.06.08
Im Kleinen das Große suchen
Der Dokumentarfilmer Andreas Geiger über Tigerpunk, Heavy Blasmusik und den Donzdorfer Heimatdschungel.
Andreas Geiger und sein Kameramann bei der Arbeit
Herr Geiger, Sie haben in Ihren bisherigen Dokumentarfilmen fast immer Themen und Protagonisten gewählt, die aus Ihrer Heimatregion kommen. „Heavy Metal auf dem Lande“ portraitiert Markus Staiger, den Gründer des örtlichen Labels Nuclear Blast, und verschiedene Heavy Metal Fans. Bei „Punk im Dschungel“ begleiten Sie die Band Cluster Bomb Unit, deren Mitglieder ebenfalls teilweise aus der Region um Donzdorf stammen.
Sind Sie so etwas wie ein Stadtarchivar oder dokumentierender ‚Heimatfilmer’ der schwäbischen Voralb?
Interessant der Begriff des Stadtarchivars, so habe ich das noch gar nicht gesehen. Aber bekanntlich gab es früher in jedem Dorf einen, der die Dorfgeschichte aufgeschrieben hat, und so wichtige Dokumente für die Nachwelt fest gehalten hat.
Nach meinem Abitur wollte ich, wie dies ja ganz normal ist in dem Alter, in die große weite Welt. Mich verschlug es über Stuttgart nach Hamburg und Berlin. Dort habe ich festgestellt, dass ich Themen gerade auch in kleineren Strukturen finden kann. Je kleiner die Straßen, um so spannender die Geschichten. Das heißt aber nicht, dass ich mich ausschließlich über das Regionale als Dokumentarfilmer definiere.
Wie kommen Sie zu Ihren Themen? Im buddhistischen Sinne kommen die Dinge zu einem. Haben die Ideen auch Sie gefunden?
Die Idee zu „Heavy Metal auf dem Land“ hat sich eher zufällig ergeben. Zum damaligen Zeitpunkt habe ich in Hamburg gelebt und war auf der Suche nach einem interessanten Thema für einen neuen Dokumentarfilm. Bei einem Besuch in meiner alten Heimat, sah ich diese große neue Fabrikhalle mit dem Atomkraft-Symbol, das Logo von Nuclear Blast. Das größte unabhängige Plattenlabel für Heavy Metal Musik jetzt hier in Donzdorf? Eine international operierende Plattenfirma für Musik, die viele einfach nur an Krach und Langhaarige in martialischer Kluft denken lässt? Diesem scheinbaren Kontrast wollte ich auf die Spur kommen.
Sie meinen sicher den Kontrast zwischen ländlichem Idyll und schneller, aggressiver Musik?
Ja, genau.
Aber warum nur scheinbar?
Die Leute die sich Heavy Metal verschrieben haben, sind im Grunde genommen sehr bodenständige, man kann sagen konservative Menschen. Die gehen unter der Woche ihrer Arbeit nach und am Wochenende ziehen sie sich die „Kutte“ über und gehen ‚headbangen’ (Anm. d. Red.: Besonderer Tanzstil, bei dem der Kopf rhythmisch zur Seite und nach vorn geworfen wird). Im Großen und Ganzen leben Sie gerne auf dem Lande und vielleicht wird in zehn oder mehr Jahren anstelle von Blasmusik auf den Dorffesten Heavy Metal gespielt (lacht). Entscheidend ist, dass beides funktioniert, ländliche Struktur, aber auch eine gewisse Offenheit und Toleranz gegenüber anderen Lebensvorstellungen und Freizeitbeschäftigungen.
Ganz anders ist da Ihr letzter Film, „Punk im Dschungel“ ...
.... „Punk im Dschungel“ thematisiert ebenfalls eine neue Entwicklung, allerdings beschränkt sich hier die musikalische Begeisterung nicht allein auf das Konsumieren. Entgegen dem heute verbreiteten Punkverständnis, dass Punk nur noch Mode bei den Jugendlichen ist, hat er in Indonesien eine gesellschaftlich verändernde Wirkung. Auf den ersten Blick besteht auch hier ein Spannungsverhältnis zwischen gesellschaftlichen Gegebenheiten und der Religion.
Punk wird als ‚do it yourself’ gesehen und gelebt. Die 80er Jahre Losung des Punk ‚No Future’, wird durch gesellschaftliches und politisches Engagement abgelöst. Punk steht für einen neuen Aktionsrahmen und Impulsgeber der jungen Generation.
Neben dem regionalen Bezug, sind beide Dokumentationen von dem jeweiligen Musikgenre geprägt. Welche Bedeutung messen Sie der Musik auch persönlich bei?
Musik, wie auch das unmittelbare Lebensumfeld, haben einen ernormen Einfluss auf die Lebensvorstellungen und entsprechenden Entwürfe bei Jugendlichen. Auch mir hat Musik geholfen eine Lebenseinstellung herauszufinden. Ich war kein Metaller und kein Punk, richtig zugehörig war ich keiner Richtung, ich hörte gerne Gitarrenrock. Dies spielte aber damals auch keine Rolle. Die unterschiedlichen Fan-Cliquen konnten gut miteinander. Überhaupt war und ist das Aufwachsen auf dem Land mit einer enormen Freiheit verbunden.
Worin besteht diese Freiheit genau?
Auf dem Land gibt es kaum Angebote für Heranwachsende, die deren Bedürfnis nach Rebellion gerecht werden können. Es gibt keine Clubs, Konzertbühnen oder ähnliche Orte, die eher im städtischen Umfeld zu finden sind. Aber auf dem Land gibt es Raum, und dieser wird dann auch genutzt. Man trifft sich, tauscht sich aus über Film und eben Musik – alles in einem nicht vordefinierten Rahmen. Es wird selber Musik gemacht, Proberäume werden in alte Metzgereien oder KFZ-Werkstätten verlegt. Man muss eben Ideen haben und sich was einfallen lassen, dann eröffnen sich einem Freiheiten und Möglichkeiten.
Welche Haltung als Dokumentarfilmer ist für Sie die grundlegendste?
Generell interessieren mich Kontraste, Welten, die sich scheinbar widersprüchlich gegenüber stehen. Es geht mir darum diese zusammen zu bringen und ihre Zusammenhänge zu zeigen - Engstirnigkeit ist für mich frevelhaft.
Woran arbeiten Sie zurzeit?
An einer Doku-Serie für den SWR mit dem Titel „Geigers Geschichten vom Land.“ Die erste Folge ist bereits am 1. Juni m SWR ausgestrahlt worden.
Erzählen Sie oder lassen Sie erzählen?
Beides. Ausgangspunkt für die Geschichten sind die Menschen, die ich mit meinem Team besuche. Wir fahren mit einem Wohnmobil übers Land durch die schwäbische Provinz.
In der ersten Folge haben wir u. a. einen Mann besucht, der seit 20 Jahren sein Haus aus Bauresten, quasi „Müll“ baut, oder einen Biologen, der auf seinem Schloss das größte Rastermikroskop entwickelt hat. Für mich ist jeder Mensch interessant, man muss nur forschen, dann tritt Interessantes ans Licht. Es ist die immer neue Herausforderung, im Kleinen das Große zu suchen.
Jenseits des Alpenglühens, welche Botschaft haben ‚Neo-Heimatfilme’?
Es ist der Austausch zwischen dem Ländlichen und Städtischen, beides hat seinen Reiz. Gerade aber das wirklich ländliche Leben ist dem Städter eher unbekannt und mit Klischees behaftet.
Das Skurrile, aber auch Lustige und Originelle zeigt sich im scheinbar Abseitigen, versteckt hinterm Heuhaufen!
Heimat... erst wenn man weg war, lernt man sie schätzen. Und Donzdorf... ist sowieso sexy.
Andreas Geiger wohnt in Stuttgart und in Donzdorf.


